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An Tagen wie diesen…

Mini-Makramee aus Wollresten

…muss ich einfach mal Autofahren.

An manchen Tagen regt man sich so richtig auf. Das ist sicherlich nicht gut für die Herzkranzgefäße, aber das sind Weinbrandbohnen oder Fastfood eben auch nicht. Und um mal ganz ehrlich zu sein, kümmert mich das manchmal auch herzlich wenig, weil ich kein instagrammäßiges Leben führen kann und auch nicht will. Es gibt für die reale Welt einfach keinen Filter, obwohl ich glaube, dass da die rosarote Brille vielleicht eine Ausnahme bildet. Was wiederum eine ganz andere Sache ist und hiermit eigentlich nichts zu tun hat.

Du benötigst: Schere, Tesafilm, Maßband, Wollreste, Glasgefäß (Altglas)

Wie schon gesagt, regt man sich an manchen Tagen furchtbar auf und ich glaube, dass das manchmal eben auch sein muss. Man muss mal Dampf ablassen. In meinem Fall tue ich das mit Vorliebe im Auto. Auf der Straße, da kennt mich meistens keiner und ich denke auch nicht darüber nach, dass man sich immer zweimal im Leben begegnet.. – sollte ich vielleicht, also darüber nachdenken. Tu ich aber nicht.

Schritt 1: schneide aus deinem Wollrest ca. 80cm lange Fäden, verknote die Enden miteinander, teile die Fäden in 4 Fadenpaare u. lege sie auf den Glasboden (Bild 1), befestige die Fadenpaare mit Tesafilm, verknote die Fadenpaare am Rand des Glasbodens (Bild 2)

In meinem Auto schreie ich Leute an, ich zeige ihnen den Vogel und so manchen Finger (auch wenn das gesetzeswidrig ist) oder gucke sie mit meinem irren Blick an. Das Auto ist meine Dampfablassstation (Liebe Lehrer, ich hab keine Ahnung ob man das so schreibt, aber auch das hebt mich just in diesem Moment überhaupt nicht an). Ich brauche das, ich liebe das und überhaupt bin ich so und so die einzige auf diesem Planeten, die Auto fahren kann – DIE EINZIGE. Das ist völliger Blödsinn und mein Verstand weiß das, aber mein limbisches System lässt dem Verstand manchmal kein Mitspracherecht. Keine Ahnung, ob der Verstand auch in dieser Hirnregion sitzt, aber wenn er es tut, dann wird einfach mal eiskalt von meinen übernatürlichen Aufregungsattacken überrollt! Fakt ist, dass der Verstand dann einfach mal nicht dran ist.

In meinem kleinen roten Auto, da hab ich genügend Platz um mich aufzuregen, da kann ich mal schreien, mal schimpfen und schlimme Wörter sagen und die ganze Welt als Saustall, Schweinehaufen und Idiotenhochburg betiteln. Irgendeiner muss ja Schuld sein und den lieben Gott, den kann ich mit solchen Dingen eben auch nicht belasten. Der hat wichtigere Aufgaben, als sich um diesen Trottel zu kümmern, der seit fünf Minuten die Straße verstopft, weil er einfach nur zu dämlich ist seinen fetten SUV in die Parklücke zu manövrieren. Hätte dieser Proll sich nicht so ´ne Bonzenkarre zugelegt, sondern ein Auto mit dem er umgehen kann, dann würde er vielleicht besser klarkommen, nicht den Verkehr aufhalten und ich könnte pünktlich bei meinem Termin erscheinen.

Schritt 2: teile die Fadenpaare und verknote sie mit dem jeweils „benachbarten“ Faden (Bild 1), die Knoten liegen ebenfalls am Rand des Glasbodens (Bild 2 ), es entstehen neue Fadenpaare

Man könnte jetzt argumentieren, dass ich einfach eher hätte losfahren sollen und dann eben auch nicht in solche Schwierigkeiten geraten würde, ABER die Sache mit dem Verstand hatten wir ja eben schon geklärt.

Wenn dann im Autoradio auch noch irgendein blödes Gequatsche läuft über Erziehungsratgeber von Filzpantoffelmuttis und ihren Dinkelkekskindern, oder über das Brutverhalten von chinesischen Stockenten, dann platze ich so richtig. Da bin ich so richtig in Fahrt und das nicht nur im physischen Sinne. Dann kriege ich so richtig die Motten. Himmel, Arsch und Zwirn… wen interessiert denn das?! Ich will Musik hören. MUSIK Leute. Tja, aber man kann nicht alles haben und so fahre ich weiter, mit meinem kleinen roten Auto, das lediglich über ein Kassettenradio verfügt in dem ungelogen ein geerbtes Band von Roy Black steckt, welches aus dem Jahr 1987 stammt. Das Teil ist älter als ich und läuft tatsächlich noch, der einzige Haken ist, dass man sich das nicht anhören kann bzw. will und ich hab den nächsten Grund mich aufzuregen.

Schritt 3: teile die Fadenpaare und verknote sie mit dem jeweils „benachbarten“ Faden (Bild 1), die Knoten gehen nun über den Glasboden hinaus und liegen am Außenrand des Glases (Bild 2); so entstehen immer wieder neue Fadenpaare, welche du so lange teilen und verknoten kannst, bis die gewünschte Netzstruktur entsteht –> diese Schritte werden so lange wiederholt, bis dein Glas einen guten Halt im „Netz“ hat

Ab und zu stehe ich mal an der Ampel und denke: „Du Blödmann willst jetzt mit mir Rennen fahren? – Vergiss es!!!“ Mein kleines rotes Auto mag ja ein Kassettenradio haben, aber es ist leicht und ziemlich schnell, also denke gar nicht erst darüber nach, mit deiner Klamotte. Was soll das überhaupt für ne Karre sein? Nennt er das etwa Auto?

Manchmal singe ich auch laut, das gehört zur Aufregestrategie. Wenn ich Glück habe, dann gucken die Fliesenleger im T5-Bus neben mir ganz schief und schütteln den Kopf, dass ist gut, weil ich dann wieder einen Grund habe mich aufzuregen. Dann rege ich mich auf, weil ich nicht verstehe, wo jetzt das Problem liegt. Ja, OK, ein bisschen kann ichs nachvollziehen. Ich singe nicht besonders schön und dann auch noch ziemlich laut, das kann schon mal verstörend wirken. Immerhin haben die Jungs zwölf Stunden das dumme Gesülze von ihrem Bauleiter oder dem Typen, der einen riesigen Kredit für seinen Marmorwaschtisch und die handgtöpferten indischen Tempelkacheln aufgenommen hat, ertragen müssen und vielleicht lief ja im Radio auch noch das Interview mit der Filzpantoffelmutti..

Es ist schon ziemlich gemütlich in meinem roten Flitzer, wenn ich da so ganz alleine bin und mich aufrege. Das ist vielleicht schwer nachzuvollziehen, aber mir hilfts. Ich steige dann am Zielort aus, wie reiche, berühmte Leute nach ´nem chemischen Peeling. Knallrot, aber glücklich. Der ganze Dinkelkeks- und Fliesenlegerstress ist weg und mein Tag läuft wieder rund.

Schritt 4: finde die Balance, wenn dein Glas im Netz hängt, verknote dann alle Fäden weit oben miteinander, dekoriere deine Hängeampel nach Geschmack; es eignen sich Teelichter, Sukkulenten, frische Blumen, Streudeko und alles was das Herz begehrt

Für den Fall, dass ihr das mal ausprobieren wollt, gebe ich euch den Tipp, die Kinder, den Partner und den Hund zu Hause zu lassen. Ist besser..

In diesem Sinne: „Freie Fahrt!“.

Mini Makramee, einfache Dekoration mit großer Wirkung